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Schadstoffe in Säuglingsmilch

Muttermilch nährt unsre Kleinen von Geburt an und schützt sie vor Infektionen und reduziert das Risiko für Übergewicht und Allergien. Hersteller von Muttermilchersatz-Produkten wie Pre-Nahrung oder Säuglings-Milch arbeiten daran, die natürliche Muttermilch so gut wie möglich nachzuahmen.

Doch dabei scheint so einiges schief zu gehen. Im Auftrag von Foodwatch hatten drei zertifizierte Labore unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Analysemethoden Babymilch auf Mineralöle untersucht. Von vier in Deutschland eingekauften Produkten waren drei mit krebsverdächtigen aromatischen Mineralölbestandteilen (MOAH) verunreinigt [1].

Auch Öko-Test untersuchte mehrere Milchpulver auf Fettschadstoffe, Mineralöl-Rückstände und Reste von Desinfektionsmitteln. Dabei haben sie herausgefunden, dass in vielen Milchpulvern zum einen zu viele Schadstoffe enthalten und zum anderen viele wichtige Nährstoffe fehlen [2].

Kein einziges Produkt war frei von Mineralöl-Rückständen. Nur fünf Pre-Milchpulver sind „gut“

Öko-Test Jahrbuch Kinder und Familie für 2020 

In diesem Beitrag zeige ich dir, welche Schadstoffe in Säuglingsmilch vorkommen können, warum sie schädlich sind und wie es zu solchen Verunreinigungen kommt.

Hinweis: Trotz der Fortschritte bei der Zusammensetzung und Herstellung von Milchpulver reicht Säuglingsnahrung noch nicht annähernd an die gesundheitlichen Vorteile deiner Muttermilch heran.

Wie gelangen Schadstoffe in das Milchpulver?

  • In Säuglingsmilch sind pflanzliche Fette und Öle, die Fettschadstoffe enthalten können, welche bei der Raffinerie ungewollt entstehen können.
  • Die Hauptquelle für die Belastung mit Mineralölen gelten bisher Verpackungen aus Recyclingpapier oder Kunststoffbeschichtungen. Andere mögliche Eintragsquellen sind auch Schmierstoffe aus Anlagen zur Lebensmittelherstellung, Abgase von Erntemaschinen oder Mineralöle, die bei Herstellungs- und Verpackungsprozessen als Schmier- oder Trennmittel eingesetzt werden. MOSH/POSH lösen sich aus Kunststoffen, beispielsweise aus Beschichtungen der Innenbeutel der Milchpulver oder Metalldosen. Als Hauptquelle für die Belastung mit MOAH gelten bisher Verpackungen aus Recyclingpapier.
  • Bestandteile wie Perchlorat und Chlorat gelangen durch Kontakt mit Wasser, welches zuvor zu Desinfektionszwecken mit chlorhaltigen Biozidprodukten behandelt worden ist

Fettschadstoffe: 3-MCPD-, 2-MCPD- und Glycidyl-Fettsäureestern

Bei der chemischen Verbindung 3-Monochlorpropandiol (3-MCPD), 2-Monochlorpropandiol (2-MCPD) und deren Fettsäureester sowie Glycidyl-Fettsäureester (GE) handelt es sich um prozessbedingte Kontaminanten. Sie entstehen vor allem während der Raffination von pflanzlichen Ölen und Speisefetten. Die höchsten Gehalte an diesen Verbindungen wurden in raffinierten Palmölen und -fetten gefunden, gefolgt von anderen raffinierten pflanzlichen Ölen und Fetten. Auch sämtliche Lebensmittel, die auf Basis von raffinierten pflanzlichen Speiseölen und -fetten hergestellt werden (u. a. Margarine, Backwaren, Säuglingsmilchnahrung), können belastet sein [6].

Glycidyl-Fettsäureestern (GE) setzen während der Verdauung Glycidol frei, welches als krebserregend und erbgutschädigend gilt.

GE sind gesundheitlich bedenklich, da sie sowohl genotoxisch als auch karzinogen sind, d.h. sie können die DNA schädigen und Krebs verursachen.

EFSA [7]

Mineralöl- und Kunststoffbestandteile: Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (MKW): MOSH und MOAH

Mit den Abkürzungen MOSH und MOAH werden zwei unterschiedliche Gruppen chemischer Verbindungen bezeichnet, die im Mineralöl vorkommen.

Bei MOSH (englisch Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) handelt sich um ein komplexes Gemisch aus gesättigten Kohlenwasserstoffen. Toxikologisch gesehen sind diese Verbindungen problematisch, da sie nicht nur eine Belastung für den menschlichen Körper darstellen, sondern auch in bestimmten Geweben ansammeln können. Die EFSA stufte die MOSH als potenziell besorgniserregend ein [8].

Zur MOSH-Fraktion gehören beispielsweise POSH (Polyolefin oligomeric saturated hydrocarbons), Paraffine (offenkettige Kohlenwasserstoffe) und Naphtene (cyklische Kohlenwasserstoffe)

MOAH (englisch Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) sind eine Gruppe von ungesättigten aromatishcen (zyklischen) Kohlenwasserstoffe, von denen einige möglicherweise krebserregend sind. Als Hauptquelle für die Belastung gelten bisher Verpackungen aus Recyclingpapier. MOSH lagern sich in menschlichem Gewebe an und fördern Tumorwachstum. Sie gelten sogar als potenziell krebserregend.

Zur MOAH-Fraktion gehören beispielsweise Polyzyklische Kohlenwasserstoffe (PAK).

Die in Lebensmitteln nachgewiesene Fraktion an aromatischen Kohlenwasserstoffverbindungen (MOAH) kann aus unterschiedlichen Eintragsquellen stammen. Meist handelt es sich dabei um eine komplexe Mischung aus überwiegend alkylierten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, zu denen auch krebserzeugende Substanzen gehören können. Eine gesundheitliche Bewertung ist aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht möglich. Schwieriger ist das bei den gesättigten Kohlenwasserstoffen MOSH/POSH. MOSH und POSH sind Stoffgruppen, die sich chemisch so sehr gleichen, dass sie sich mit der üblichen Analysemethode nicht sicher unterscheiden lassen. Wie MOAH sind MOSH Mineralölbestandteile. Von ihnen ist bekannt, dass sie sich im menschlichen Fettgewebe und in der Leber anreichern. Ob POSH die gleichen oder andere Risiken mit sich bringen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. POSH lösen sich aus Kunststoffen, hier möglicherweise aus Beschichtungen der Innenbeutel der Milchpulver. Nach unserer Auffassung sollten vorsichtshalber sowohl MOSH als auch POSH in Lebensmitteln so weit minimiert werden, wie irgend möglich.

BFR: Fragen und Antworten zu Mineralölbestandteilen in Lebensmitteln [9]

Perchlorat und Chlorat aus Desinfektionsmitteln

Desinfektionsmittel sind Substanzen, die gegen Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und Parasiten sowie Viren wirksam sind.

Perchlorat-Vorkommen in der Umwelt sind hauptsächlich anthropogenen Ursprungs, d. h. durch den Menschen verursacht. Perchlorate wurden – anders als einige Chlorate – in der EU nie als Pflanzenschutzmittel oder Biozidwirkstoff genehmigt. Perchlorat kann jedoch bei der Verwendung von chlorhaltigen Substanzen zur Reinigung oder Desinfektion als Nebenprodukt entstehen.

Nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse ist als Eintragspfad der Kontakt von Lebensmitteln mit Wasser wahrscheinlich, das zuvor zu Desinfektionszwecken mit chlorhaltigen Biozidprodukten behandelt worden ist.

In dieser Säuglingsmilch wurden Schadstoffe nachgewiesen

In folgenden Milchpulver-Produkten wurden aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) nachgewiesen:

Foodwatch 10/2020 [3]:

  • Nestlé: BEBA Pro HA 2; BEBA Supreme Pre, von Geburt an; BEBA Optipro 2; BEBA Optipro 1; BEBA Pro HA 1, von Geburt an; BEBA Pro HA Pre
  • Novalac: Säuglingsmilchnahrung PRE 400g; Säuglingsspezialnahrung BK Blähungen und Koliken
  • Humana: SL Spezialnahrung bei Kuhmilchunverträglichkeit; Anfangsmilch 1 von Geburt an
  • Rossmann: Babydream Kinderdrink ab 1 Jahr

Foodwatch 5/2019 [4]:

  • Nestlé BEBA OPTIPRO PRE 800 g von Geburt an; Chargennummer:    91120346AA; Mindesthaltbarkeitsdatum: 10/2020; Belastung mit MOAH: 3,0 mg/kg
  • Nestlé BEBA OPTIPRO 1 800 g  von Geburt an; Chargennummer: 9098080621; Mindesthaltbarkeitsdatum: 10/2020; Belastung mit MOAH: 1,9 mg/kg; 
  • Novalac Säuglingsmilchnahrung PRE 400g (in Apotheken erhältlich); Chargennummer: A5952275; Mindesthaltbarkeitsdatum: 11.03.2020; Belastung mit MOAH: 0,5 mg/kg

Ökotest 5/2019 [5]:

Stark erhöhte MOSH/POSH:

  • Hipp Bio Combiotik Pre Anfangsmilch
  • Milupa Milumil Pre Anfangsmilch
  • Aptamil Pronutra Anfangsmilch Pre (sehr stark erhöht)
  • Babylove Anfangsmilch Pre
  • Nestlé Bepa Optipro Pre (+ MOAH Nachweis)
  • Babydream Anfangsmilch Pre

Erhöhte 3-MCPD/Glycidylester-Werte

  • Babydream Anfangsmilch Pre

Fazit

Strengere Tests müssen her

Leider werden größere unabhängige Tests leider nicht oft durchgeführt und decken längst nicht alle Hersteller und Produkte. Foodwatch testete lediglich 2 Hersteller (Novalac und Nestlé BEBA), Öko-Test nur 16. Bei einem so wichtigen Produkt gehören strengere und breiter aufgestellte Tests her, die in einem engere Zeitfenster Säuglingsnahrung testen.

Keine akute Gesundheitsgefahr

Bei der Verwendung von Säuglingsnahrung mit nachgewiesen erhöhten Schadstoffen besteht keine akute Gesundheitsgefahr. Einige Hersteller haben ihre Produkte, oder zumindest die Charge mit der betroffenen Säuglingsmilch, aus dem Sortiment genommen. Es gibt aber auch Hersteller (vor allem Großkonzerne), die bis heute die Testergebnisse von Ökotest und Foodwatch ignorieren. Über einen Wechsel zu einer weniger belastenden Säuglingsmilch sollte nachgedacht werden.

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Quellen

[1] https://www.foodwatch.org/de/informieren/mineraloel/fragen-und-antworten-zu-mineraloel-in-saeuglingsmilch/

[2] https://www.oekotest.de/kinder-familie/Babynahrung-im-Test-Nur-fuenf-Pre-Milchpulver-sind-gut_111647_1.html

[3] https://www.foodwatch.org/de/aktuelle-nachrichten/2020/staatliche-labore-finden-mineraloel-in-babymilch/

[4] https://www.foodwatch.org/de/aktuelle-nachrichten/2019/saeuglingsmilch-mit-mineraloel-belastet/

[5] https://www.united-kiosk.de/oeko-test-jahrbuch-kinder-und-familie-epaper/test-anfangsnahrung-pre-hipp-hipp-hurra/art_2111384_20190001208/?partnerId=OE20628

[6] https://www.bfr.bund.de/cm/343/3-mcpd-2-mcpd-glycidyl-fettsaeureester-in-lebensmitteln.pdf

[7] https://www.efsa.europa.eu/de/press/news/180110

[8] https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.2903/j.efsa.2012.2704

[9] https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/fragen-und-antworten-zu-mineraloelbestandteilen-in-lebensmitteln.pdf

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